Wer braucht noch Kunstmessen? Offenbar alle.
Seit Jahren wird das Ende der Kunstmesse ausgerufen. Die entscheidenden Geschäfte würden ohnehin vorab gemacht, die wichtigsten Sammler bereits vor der Eröffnung kontaktiert. Und Galerien? Ein überholtes Modell, heißt es ebenfalls regelmäßig. Künstler könnten ihre Werke schließlich direkt über Instagram verkaufen.
Mich persönlich langweilt diese Debatte inzwischen. Kunstmessen werden in regelmäßigen Abständen totgeredet, wiederbelebt und beim nächsten schwächeren Marktbericht erneut ins Koma versetzt. Mal braucht sie angeblich niemand mehr, dann scheint ohne sie plötzlich der gesamte Kunstmarkt zusammenzubrechen. Dieses mediale Hin und Her erzählt inzwischen fast mehr über die Lust an immer neuen Krisendiagnosen als über die tatsächliche Bedeutung der Messe.
Dann schließt die Art Basel Paris wegen angekündigter Demonstrationen zwei Tage früher – und plötzlich ist der Aufschrei groß.
Nun fehlen ausgerechnet Samstag und Sonntag: jene Tage, an denen noch Sammler aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden angereist wären. Galeristen beklagen entgangene Verkäufe, fehlende Kontakte und ein Wochenende, das für viele Aussteller darüber entscheidet, ob sich die kostspielige Messeteilnahme überhaupt rechnet.
Was denn nun? Ist die Messe überflüssig – oder unverzichtbar?
Richtig ist: Ein großer Teil des hochpreisigen Geschäfts findet während der Preview-Tage statt. Bereits an den ersten beiden Tagen der Art Basel Paris wurden mehr als 300 Verkäufe im Wert von rund 147 Millionen Dollar gemeldet. Hauser & Wirth verkaufte unter anderem Werke von Gerhard Richter und Georg Baselitz für jeweils rund zehn Millionen Dollar. Am Freitagnachmittag, Stunden vor dem ohnehin vorgezogenen Ende der Messe, war der Stand der Galerie bereits vollständig geräumt.
Doch eine Messe besteht nicht nur aus den Geschäften, die sich innerhalb der ersten Stunden vermelden lassen. Die Preview monetarisiert bestehende Beziehungen. Die Tage danach schaffen neue.
Hinzu kommt die besondere Atmosphäre einer Messe. Innerhalb weniger Tage trifft ein konzentriertes Angebot auf ein großes, internationales und kaufbereites Publikum. Die Reichweite der einzelnen Galerie wird durch das gemeinsame Format nicht nur erweitert, sondern potenziert. Gleichzeitig erzeugt die Messe Tempo: Werke sind nur begrenzt verfügbar, weitere Interessenten stehen möglicherweise bereits bereit, und wer zu lange zögert, riskiert, dass eine Position anderweitig vergeben wird. Diese Verdichtung von Angebot, Aufmerksamkeit und Konkurrenz beschleunigt Entscheidungen – und damit Verkäufe.
Vor allem aber schafft die Messe internationale Sichtbarkeit. Eine Galerie, die im Überangebot einer Kunstmetropole wie Berlin oder Paris leicht übersehen werden kann, erhält hier eine klar umrissene Bühne. Sie wird aus dem großstädtischen Nebeneinander herausgehoben, eingeordnet und einem internationalen Publikum präsentiert. Schon die Zulassung zur Art Basel wirkt dabei wie ein Gütesiegel: Diese Galerie und ihr Programm wurden ausgewählt – approved by Art Basel. Die Messe zeigt das Angebot nicht nur. Sie rahmt und legitimiert es.
Am Wochenende kommen außerdem neue Sammler und die Sammler von morgen: Menschen, die zunächst schauen, vergleichen und lernen, bevor sie kaufen. Hier entstehen erste Gespräche, Vertrauen und langfristige Beziehungen. Ein Kontakt vom Sonntag kann Monate oder Jahre später zu einem Verkauf führen. In keiner unmittelbaren Messebilanz wird dieser Wert sichtbar.
Genau darin liegt auch die weiterhin unterschätzte Bedeutung der Galerien. Sie stellen nicht einfach Werke in einen Raum. Sie entwickeln Künstler und Sammler, ordnen Positionen ein, schaffen Vertrauen und tragen das wirtschaftliche Risiko ihrer Messeauftritte. Ohne Galerien keine Stände, ohne Stände keine Art Basel – und ohne die konzentrierte Aufmerksamkeit der Messe deutlich weniger von jenen Verkäufen, die angeblich längst unabhängig von ihr stattfinden.
Die vorzeitige Schließung der Art Basel Paris zeigt daher nicht das Ende der Kunstmesse. Sie zeigt, wie abhängig der Kunstmarkt noch immer von ihr ist.
Merkwürdig nur: Solange die Messe stattfindet, will sie niemand mehr brauchen. Fallen zwei Tage aus, scheint plötzlich ein ganzes Ökosystem in Gefahr.